[Rezension] Still von Zoran Drvenkar

Hallo ihr Lieben,
nachdem ich 'Sorry' von Zoran Drvenkar gelesen habe, habe ich mich ergeben und mir auch 'Still' vorgenommen (natürlich auch Dank wärmster Empfehlung, danke dafür :)). Und ich gelobe feierlich - ich habe es keine Lesestunde bereut. Dann werde ich mir wohl auch 'Du' und 'Der letzte Engel' mal zu Gemüte führen :)
Ein Mann, der seine Tochter sucht und dabei seine Identität verliert. Ein Mädchen, das seit sechs Jahren reglos aus dem Fenster schaut und darauf wartet, dass ihr jemand den Schlüssel zu ihrer Erinnerung bringt. Vier Männer und eine Mission, die aus Hunger und Disziplin besteht und keine Opfer scheut. Ein Winter in Deutschland, ein See im Wald und Schatten, die sich unter dem Eis bewegen.
Der erste Satz, der mir einfiel nachdem ich das Buch beendet hatte war: 'Kranker Scheiß!'. Dieses Buch war ein totaler Pageturner! Wenn ich wegen dem Frühdienst in der Kita nicht immer schon so früh eingeschlafen wäre, dann hätte ich das Buch viel früher beendet.
Ich konnte es nicht aus der Hand legen und ein 'paar Seiten' zum Einschlafen waren auch plötzlich hundert geworden.
Und genau so muss mich ein Buch fesseln. Dass ich den Schlaf beiseite schiebe, weil ich wissen will was passiert.

Ich fand dieses Buch grandios. Der Klappentext hat mich im Dunkeln gelassen. Es wurde mir etwas vor die Füße geworfen, mit dem ich einen Umriss zeichnen sollte. Etwas das ich nicht greifen und fassen konnte. Eine grobe Skizze, dessen Bild sich langsam formt und einem am Ende bis ins Innere erschüttert.

Zoran Drvenkar hat einen unvergleichlichen Schreibstil. Schon bei 'Sorry' fand ich das überragend und auch bei 'Still' sorgte dieser Schreibstil für ein perfektes Zusammenspiel von Story und Atmosphäre. Der Schreibstil verbindet diese beiden Komponenten wunderbar, das man diesem Buch nur durch Einschlafen entfliehen kann.
Stück für Stück gibt Drvenkar die grausame Geschichte preis, wie gewohnt aus verschiedenen Perspektiven. Teilchen für Teilchen setzt sich das Puzzel zusammen, lässt aber immer noch so viel Raum für Mutmaßungen und Spekulationen. Bis zur letzten Seite weiß man nicht, was einen erwartet - dieses Buch war völlig unvorhersehbar. Immer wenn man dachte in die richtige Richtung zu gehen, stand man irgendwann vor einer Mauer auf der 'falsch gedacht' stand und man kehrte um, auf der Suche nach einer neuen Fährte (haha, ein kleiner Wortwitz am Rande :D).

Protagonist ist ein Mann, der seine Tochter sucht. Er hat eine andere Identität angenommen um ein Leben vorzutäuschen, dass er nicht führt und sich von seinem Alten zu distanzieren, um einen langjährigen Plan zu verfolgen.
Diese Verwandlung ist so gut und durchdacht, dass ich am Ende nicht mehr wusste, wer er ist und was er wirklich fühlt. Er verliert alles - nur Hass und eine unbändige Wut bleiben ihm.
Dann gibt es Lucia - ein junges Mädchen, dass seit sechs Jahren aus dem Fenster starrt und schweigt. In Lucias Nähe wird es prompt still - ich finde, sie umgibt eine traurige, erstickende Stille. Sobald man mit ihr in Kontakt kommt breitet sich eine eisige Kälte aus.
Neben Mika und Lucia sind auch vier Männer der Mittelpunkt dieses Buches. Vier Männer die Mikas Interesse geweckt haben und die ihn in ihr Leben lassen.
Diese fünf Männer nehmen den Leser mit auf eine kranke Reise in die Abgründe des menschlichen Seins. In einen Scherbenhaufen ihrer Selbst, der sich nach und nach auflöst und zeigt, wie viel Leid, krankhafter Trieb, Hass und Wut in jedem Einzelnen von ihm steckt. 
Diese Mischung aus Emotionen und Charakterzügen macht das Buch zu einem kranken Seelentrip in die menschlichen Abgründe, von denen man hofft, das sie Fiktion sind und bleiben.

Die Atmosphäre war überwältigend erdrückend. Auch wenn die Schauplätze nicht der Mittelpunkt sind und nicht mit detaillierter Beschreibung bestechen, waren sie so greifbar und präsent, dass mir beim Lesen ganz kalt wurde und wenn ich ganz ehrlich bin, habe ich beim Knacken meines Laminats kurz zusammengezuckt.Teilweise war ich gefangen zwischen Ekel und Entsetzen. 
Durch die kalte Jahreszeit und den Schnee war die Vorlage für eine düstere Atmosphäre gegeben. Es gab keinen Moment, wo ich an der Echtheit der Gefühle gezweifelt habe. Ich spürte die Wut, die Verzweiflung, den kleinen Funken Hoffnung, Rache und auch den Ekel dem Hunger gegenüber.
Mir fällt es oft schwer solche Bücher zu lesen, wenn junge Kinder involviert sind. Auch, wenn ich keine eigenen Kinder habe. Ich habe einen jüngeren Bruder und ich kann es oft nicht vermeiden, mir vorzustellen, was ich an der Stelle der Personen im Buch gemacht hätte. Vielleicht fand ich das Buch aufgrund der realistischen und nachvollziehbaren Reaktionen gut. Es darf nicht überspitzt oder gar unmenschlich sein, dann identifiziert man sich nicht mehr mit dem Buch, man versucht nicht einzutauchen und teilzunehmen. Und diese Bücher berühren dann nicht.
Anders hier - ich fühlte Wut, Verzweiflung, Angst. 


Und wann immer Schnee faellt, stirbst du ein bisschen mehr. Du bist eine 

Tote, die atmet. Du bist eine Tote, die wartet. (Seite 17)

Zum Cover muss ich sagen, dass es nicht besser hätte gewählt werden können. Die dunklen Farben, der Schnee - alles spiegelt sich im Buch wieder und das Cover überträgt die Atmosphäre des Buches. Dunkelheit, Kälte, Stille. 
Mehr muss man dazu nicht sagen.

Trotz der Tatsache, dass ich nun ein bisschen verstört bin, fand ich das Buch herausragend. Der beste Thriller den ich 2014 gelesen habe.
Dieses Buch ist nichts für zartbesaitete Gemüter, aber für jeden Thriller-Fan ein absolutes Muss. Ich bin nach wie vor begeistert von Drvenkars Büchern und frage mich, warum ich sie nicht schon viel früher entdeckt habe. Absolute und uneingeschränkte Leseempfehlung für 'Stille'.


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